Versöhnung zwischen Frau und Mann...auf dem Weg zu einer neuen Liebeskultur

Wenn wir in das Herz unserer Kultur hinein spüren, wenn wir tiefer in die Augen der Menschen schauen, die uns begegnen, werden wir wahrnehmen, dass die Welt in einem großen Liebesschmerz ist.

Einige fühlen es, die meisten haben diesen Schmerz verdrängt.

Der Zustand, in dem wir leben, ist zu unserem gewohnten Alltag geworden.

Doch eine Sehnsucht lebt in uns allen fort – bewußt oder unbewußt.

Die Sehnsucht, uns in Liebe, Wahrhaftigkeit und gegenseitiger Wertschätzung zu begegnen. Diese Sehnsucht ist Frauen wie Männern gleich.

Was hindert uns daran, unser Herz zu öffnen und einer in tiefer Offenheit zu begegnen?

Warum gelingt es so wenigen Paaren, eine erfüllte, beglückende Liebesbeziehung zu führen? Warum ziehen sich immer mehr Frauen und Männer resigniert in ein Single-Dasein zurück?

Wir glauben, daß die scheinbar persönlichen Themen in einer Liebesbeziehung auf einem größeren kulturgeschichtlichen Hintergrund betrachtet werden müssen. Das, was sich uns heute als typische Beziehungsproblematiken zwischen Frau und Mann zeigt, ist meist nur die Spitze des Eisbergs einer langem Geschichte zwischen Frau und Mann, in der jeder seine Wunden davongetragen hat.

Wir alle sind Teil einer langen Kulturgeschichte. Sowohl in Frauen als auch in Männern hat sich ein kollektiver Schmerzkörper gebildet, bestehend aus der Summe an verletzenden gewaltsamen Erfahrungen am eigenen Geschlecht.

Diese unerlösten Schmerzkörper wirken in unser gegenwärtiges Leben hinein und bestimmen unsere Partnerschaften, unser Liebesleben und schlußendlich den Grad der gelebten Liebe in unserer Kultur.

 

Mayonah Bliss, die Sicht einer Frau:

Als junge Frau hatte ich Angst vor der Kraft des Mannes, inbesondere vor seiner sexuellen Kraft. Der Phallus war für mich kein Liebeslust-Symbol, sondern ein Symbol männlicher Gewalt. Ich habe in meinem Leben keinen direkten sexuellen Mißbrauch erlebt. Scheinbar saß diese Angst vor dem überwältigt werden durch den Mann kollektiv in meinen Zellen.

Durch meine 15jährige Frauenarbeit, insbesondere im Bereich der Heilung des Schoßes, weiß ich, daß viele Frauen diese Angst teilen. Es ist eine Angst, sich dem Mann in aller  Offenheit und weiblicher Weichheit hinzugeben. Das Vertrauen zwischen Frau und Mann ist auf einer tiefen Ebene gestört. Laut Statistik erfährt jede 3.Frau in ihrem Leben Gewalt und Mißbrauch seitens des Mannes, in vielen Ländern sind Vergewaltigungen in der Ehe an der Tagesordnung, der Frauen- und Mädchenhandel, in dem Frauen und Mädchen in die Prostitution gezwungen werden, wuchert.

Wenn wir davon ausgehen, daß wir im Innersten miteinander verbunden sind, dann ist jede Frau Teil des großen kollektiven weiblichen Körpers. Alles, was Frauen in der Geschichte des Patriarchats erfahren haben und alles, was Frauen jetzt an sexueller Gewalt erleben, ist abrufbar in unseren Zellen vorhanden.

Die tiefste Verletzung im Weiblichen sitzt in ihrem Schoßraum. Der Schoß der Frau ist der Ort, an dem sie kollektiv gesehen am meisten Gewalt und Demütigung erfahren hat und immernoch erfährt. Es ist ihr empfänglicher Pol, ihr urweiblichster Raum, der eine tiefe Wunde vom Männlichen in sich trägt.

Solange diese Wunde nicht geheilt ist, wird immer ein Maß an Angst und Mißtrauen gegenüber dem Mann in unseren Zellen sitzen.

Wir finden wir nun zu der Versöhnung mit dem Mann?

 

Persönliche Heilung des Schoßraumes

Ich glaube, daß ein erster und wichtiger Schritt darin besteht, sich der Heilung der eigenen Wunden im eigengeschlechtlichen Kreis zuzuwenden.

Ich selbst bin lange den Weg der persönlichen Heilung der Verletzung in meiner Weiblichkeit gegangen und habe im Kreis von Schwestern zu meiner weiblichen Kraft und einem heilen, erwachten Schoßraum zurückgefunden. Schoßraum-Heilmassagen und Schoßreinigungszeremonien waren für mich wesentliche Werkzeuge zur Heilung von Verletzungen. Die Identifikation mit dem latenten Opfersein konnte sich über den Ausdruck von Wut transformieren. Wut ist die Kraft, die Frauen aus dem Schmerz des Opferseins holt und den Raum öffnet für eine neue Begegnung, in der die Liebe wieder fließen kann.

In dem Maß, wie ich zu meiner weiblichen Kraft gefunden habe, hat sich auch die Angst vor dem Mann in mir aufgelöst. Der Phallus konnte wieder zu einem Symbol der Liebeslust werden.

War ich nun versöhnt mit dem Mann?

Auf der persönlichen Ebene: ja. Auf einer tieferen kollektiven Ebene: nein, noch nicht.

Wenn ich Meldungen las von öffentlichen Gruppenvergewaltigungen von Frauen stieg in mir immernoch die Wut hoch. Die kollektive Frau in mir, die sich mit dem Vergewaltigungsopfer identifizierte, war wütend auf den kollektiven Mann, der zu solchen Taten fähig war. Auf der kulturgeschichtlichen Ebene hatte ich dem Mann noch nicht verziehen. Da war ich noch im Opfer-Täter-Modus identifiziert.

Durch den Austausch mit anderen Frauen, vor allen den wiedergekehrten Priesterinnen, Hexen und weisen Frauen, weiß ich, daß es vielen so geht. Versöhnung ist da noch nicht geschehen.

Wie kann nun auf der kollektiven Ebene Versöhnung geschehen?

 

Kollektive Versöhnung

Es braucht dafür einen großen kollektiven Raum, in dem sich viele Menschen zusammengefinden, um sich gemeinsam auf die Heilung im Kollektiv auszurichten. Kollektive Themen zeigen sich erst, wenn es den großen Raum im Kreis vieler Menschen dafür gibt, und die kollektiven Wunden brauchen ihn für ihre Transformation.

Vor 4 Jahren initiierte ich dazu den ersten Frauen-Männer-Kongress „Eine neue Liebeskultur“ (www.frauen-männer-kongress.de), in dem wir den Raum für eine kollektive Versöhnung zwischen Frauen und Männern eröffneten. Ein wesentliches Element war das Versöhnungsritual. Frauen wie Männer konnten sich darin in den eigenen kollektiven Verletzungen zeigen, den eigenen Schmerz gegenüber dem anderen Geschlecht ausdrücken und wurden vom anderen gesehen und gefühlt. Mehr brauchte es erstmal nicht. Sich authentisch zu zeigen und anteilnehmend gesehen werden, darin liegt bereits tiefe Heilungskraft und weitere Schritte der Versöhnung geschehen.

Für mich war es eine wesentliche Erfahrung, die Männer in ihrem Schmerz zu erleben. Und zu erkennen: so wie die Frau in ihrem Schoßraum verletzt ist, so ist der Mann in seinem Herzraum verletzt. Das Herz ist der empfängliche Pol des Mannes, das Pedant zum empfänglichen Pol der Frau, dem Schoßraum. Im Herz trägt der Mann seine tiefste kollektive Wunde. Verletzt durch emotionale Übergriffigkeit seitens der Frau, meist der Mutter. Verletzt durch eine jahrtausendealte Kriegskultur, in die er als Soldat gezwungen wurde.

Ich konnte sehen, daß Frauen wie Männer schlußendlich Opfer von patriarchalen Strukturen sind und daß wir beide diesselbe Sehnsucht nach Heilung und Liebe in uns tragen. Das Bewußtsein vertiefte sich, daß Frauen und Männer zugleich Opfer und Täter sind, daß jeder Täter auch ein Opfer ist und jedes Opfer ein Täter. In dem Raum jenseits von Opfer und Täter sein begegnen wir uns.

In dem Raum jenseits von Identifikation kann Liebe stattfinden. Vergebung geschieht. Sie kann nicht gemacht werden. Wir können unsere Schritte dorthin tun, wir können die Vergebungskraft einladen – doch die Versöhnung geschieht, wenn die Zeit dafür reif ist.

 

Und in dem Raum jenseits unserer Identifikation braucht es keine Versöhnung mehr. Dort ist bereits alles verziehen. Es ist der Raum der Liebe, die immer da ist, in und hinter allem Sein. Mögen wir auf dem Weg zu einer neuen Liebeskultur dorthin zurückfinden!